• Die Verteidigung der Nacht
    Anna Antonia Scharfe
    24.01.2026

    Frau Pinguin gab ein leises Schnabelklacken, gemischt mit einem Räuspern, von sich. Dann sprach sie mit eingestimmter Stimme:
    «Sehr geehrte Anwesende,
    der Sachverhalt ist offensichtlich.
    Die Nacht raubt uns Stunden, welche wir sonst mit dem verbringen könnten, was das Leben erst lebenswert macht.
    Mit Familie, mit Freunden und mit dem, was des Weiteren unsere Herzen füllt.
    Und es ist nicht nur der Tag, an dem unser Leben stattfindet. Es ist erst der Tag, an dem wir die Grundlage für unser Leben schaffen.
    Der Tag stellt die produktivste Zeit der ewig von vorne beginnenden vierundzwanzig Stunden.
    Am Tag schaffen wir erst das, was wir genießen, was unser Leben genussvoll macht. Würden wir also den Tag verlängern, würde zuerst unsere Produktivität, dadurch der Wohlstand unserer Gesellschaft, und damit das Wohlergehen jedes Individuums steigen.»
    Frau Stern verdrehte seine Augen, gleich zweimal. Wohlstand und Wohlergehen waren die Hochpunkte.
    «Aber die Tageszeit ist, Status quo, begrenzt. So müssen wir unsere Energie für die Nacht verschwenden.
    Und die Nacht!
    Um sie, die Nacht, zu überstehen, sie erträglich zu gestalten, benötigen wir Ressourcen, Ressourcen, welche wir für sinnvollere Zwecke nutzen können.
    Wir bauen Lampen und Laternen, das macht doch alles nur noch schlimmer!
    Wir verschwenden unsere Ressourcen, unsere Zeit dafür, die Sonne nachzuahmen, das ist doch Blasphemie!
    Deswegen spreche ich, Frau Pinguin, heute vor unserem Richterpult vor:
    Gegen den elendigen Kampf, welchen uns die Nacht auferlegt! Gegen die Dunkelheit! Gegen die Endlichkeit!»
    Die Pinguine drückten mit zurückhaltendem Applaus, einem Flügelflossenrascheln, ihre volle Begeisterung aus.
    «Um der Endlichkeit ein Ende zu setzen, beehren uns heute die Sonne, die Kreativität und die Psyche,
    als Zeuginnen, welche für den Tag und gegen den Erhalt der Nacht aussagen.»
    Der zurückhaltende Applaus nahm abermals zu und Frau Pinguin watschelte nach ihrer Ansprache zurück hinter ihren Tisch, konnte sich natürlich noch immer nicht setzen.

    In diesem Moment erhob sich Frau Stern und nahm mit wenigen Schritten die vorherige Position von Frau Pinguin ein. Er wartete, bis wieder Ruhe in der Aula eingekehrt war. Dann begann Frau Stern seine Rede, ebenfalls mit:
    «Sehr geehrte Anwesende,
    am allnächtlichen Himmel scheine ich nur als eines von vielen Sternenkindern,
    in der Nacht bin ich nur eines von vielen ihrer Kinder.
    Heute jedoch spreche ich als gewählte Vertretung des gesamten Sternenhimmels zu euch.
    Mein Anliegen, unser Anliegen: die Verteidigung der Nacht.
    Gerade hat Frau Pinguin damit begonnen, manch‘ Vorzüge des Tages zu skizzieren. Das tat sie im Abgleich mit der Nacht, ließ sie dabei in einem düsterdunklen Licht erstrahlen.
    Wir, der Sternenhimmel, sind uns nach längerer Diskussion einig: Solch‘ Darstellung ist kaum einer Person zu verübeln. Immerhin wirft die Nacht mit ihren Flügeln unser aller Dasein in die Dunkelheit oder – noch tiefer – in die Finsternis.
    Die Nacht beraubt uns des Lichts, das steht fest, und damit auch einer Form von Produktivität.
    Viel wichtiger jedoch: Die Nacht ebnet damit den Weg zu dem Tag unbekannten Freiheiten.
    Sie verschlingt die Struktur, schenkt uns die Freiheit von jenen vorgeschriebenen Strukturen;
    sie verschlingt die daran geknüpften Verpflichtungen, schenkt uns die Freiheit von jenen Verpflichtungen;
    und schenkt uns dadurch die Freiheit zur Besinnlichkeit,
    also dem nachzugehen, welches jedem Einzelnen von uns am meisten im Schuh drückt.
    Einige unter uns wollen mir sicherlich widersprechen, sind sie doch dem Irrglauben anheimgefallen, dass es gerade die Nacht ist, welche sie der Bewegungsfähigkeit beraubt.
    Aber es ist nicht die Nacht, denn sie bewegt euch nur zum Stillstand. Es ist der Tag.
    Die Nach leitet euch dazu an, die Überreste vom Tag nicht vergammeln, verschimmeln zu lassen, bis sie ein Eigenleben entwickeln;
    zwingt euch dazu, sich die Überreste vorzunehmen, Happen um Happen zu schlucken, zu verdauen und vielleicht auch wieder auszuspucken.
    Sich vor dem Bissen des Tages zu fürchten, den die Nacht nicht verschlingen mag;
    dafür haben wir größtes Verständnis.
    Jedoch müsst ihr verstehen lernen:
    umso größer die Furcht, desto wichtiger, desto notwendiger ist es, sich dem vom Tag Übriggebliebenen zu stellen.
    Sonst sind es das Stehengelassene und das Unverdaute,
    welche den Tag an sich reißen
    werden.
    Nehmt ihr jedoch die Einladung der Nacht an, führt sie euch zu den Wahrheiten, welche am Tag als Wegweiser dienen,
    den Wahrheiten also, die es euch erst ermöglichen, den Tag sinnvoll zu gestalten.
    Mit Hilfe der Stimmen unserer Zeuginnen, der Privatsphäre, der Heimlichkeit, der Finsternis und der Kunst, werden wir das Angesprochene ausführen,
    damit die Einladung der Nacht zum ersten Mal mit Worten auskleiden,
    und dadurch die Rechtmäßigkeit ihres Platzes am Himmelszelt beweisen, also verteidigen.
    Vielen Dank.»
    Ein kleiner Knicks bildete den Abschluss von Frau Sterns Begrüßungsplädoyer. Der Sternenhimmel erwiderte es mit einem Nicken, begleitet von ein wenig Kronleuchterklimpern.

    Frau Stern und Frau Pinguin wechselten die Plätze. Immer noch bewegte sich keiner von ihnen, bevor der andere nicht wieder stillsaß und oder -stand.
    Frau Pinguin also auf ihrer zweiten Position und damit im Fokus aller Aufmerksamkeit, lenkte diese mit einer Flügelflossenbewegung weiter.

    Die Anklage der Nacht begann mit:
    «Zuerst: Die Sonne!»
    Die Flügelflosse von Frau Pinguin führte zu einer schwebenden Kugel in Gymnastikballgröße,
    übersät von in alle Richtungen reichenden Armen,
    durchsichtig und leuchtend in allen Farben des Tageslichts,
    schwindend hin zu den Fingerspitzen.
    Der größte der Lichtkegel fiel gerade nach unten weg und strahlte in einer Intensität,
    dass es nur den Sternen möglich war, kein Nachbild zu empfinden,
    dass es nur den Sternen möglich war, ins Innere zu blicken.
    Dort im Inneren setzte sich stechendes von beißendem Weiß ab und ließ so eine Kopf- bis Schultersilhouette erahnen, welche das Drumherum in Krone und Kleid verwandelte.
    So schien es nur den Sternen, als würde die Miniatursonne einen heillosen Kraftakt vollziehen, während sie sich in Bewegung setzte und den Zeugenstand bezog.
    «Vielen Dank Sonne, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben, auch unter uns zu weilen und nicht nur über uns zu scheinen.»
    «Guten Tag, überaus guten Tag, vielleicht der großartigste Tag, den ich jemals gezeichnet, gemalt habe!»
    «Ja, es ist wirklich ein herrlicher Tag. Vielen Dank für Ihr Mitwirken. Sie und Ihr Werk entzücken mich und alle Anwesenden jeden Tag aufs Neue.
    Aber darum kann es für einmal leider nicht gehen. Aus zeitlichen Gründen.
    Sonne, auch Sie, nein, gerade Sie sind mit dem Sachverhalt des heutigen Anliegens vertraut. Deswegen nun meine Bitte an Sie:
    Erzählen Sie uns von Ihrer Beziehung zur Nacht.»
    Die Tageslichtstrahlen, zuvor fröhlich tänzelnd, flackerten nun beunruhigend. Im selben Moment nahmen die Helligkeit und die Raumtemperatur zu.
    «Schon seit mehreren Milliarden Jahren kümmere ich mich mit meinen wärmenden Händen um diesen Planeten, habe für unsere Heimat das Medium des Lichts und anschließend der Farbe erfunden. Und seit derselben Ewigkeit ist es mir in der Allnacht verboten, die vollständige Palette meiner Erfindungen auszukosten. Immer muss ich nach ihren Vorgaben tupfen und pinseln!»


    Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus einem längeren Text.

  • Fall from Heaven
    Sofia Jucker
    24.01.2026

    When the devil finally convinced Eve to take a bite from the forbidden fruit,
    Adam and Eve were banished from the garden of Eden and had to roam the earth for centuries,
    In the end they were forgiven and found each other again.
    Who will I beg for forgiveness when you are my forbidden fruit?
    I didn’t need the devil to convince me to have a taste of you.
    Maybe I will be granted some grace since my punishment started when my eyes laid on you.
    You were so close yet still moons away, too far to quench my thirst for you.
    And when the heavens look down on me they will shed tears in my place, hoping these tears will diminish the fire burning for you inside of me,
    Sadly to no avail, for truly I just became a fool carrying my own hellfire with me.
    But darling don’t you worry, on this road to damnation only I will be condemned.
    You my dear will ascend to the heavens where ethereal beings like you belong, you will forget about me, the sinner whose only foolishness was to fall for you.
    Rest assured, there will be no regrets on my behalf, even if I have to be tortured for all eternity.

  • Club und das Waschbärbett
    Carolina Mazacek
    31.10.2025

    Zitternd stand sie vor dem Nachtclub und ihren Körper liess die Kälte zittern, nicht nur die Kälte, sondern auch sie selbst. Kleine Tränen gurgelten aus ihren eisblauen Augen und gefroren sofort auf ihren roten Wangen. Sie sahen aus wie kleine Sterne und hinterliessen kleine Spuren in der Schminke. Einen ausgetrockneten Fluss hinterliessen sie.

    Zu atmen, versuchte sie. Ein Feuerdrache wollte sie sein. Sich zusammenreissen, damit sie wieder hineingehen konnte, ohne verheult auszusehen. Tanzen und lachen, als wäre nichts geschehen. Sich mit den anderen im Rhythmus des Basses hin und her zu schwanken. Aber aus ihrem Mund kam ein Schluchzen, begleitet von einer kleinen Dampfwolke und einem Tränenstrom.

    Das wird nichts, dachte sie. Sie verschränkte die Arme, um die Körperwärme zu behalten, aber sie zitterte noch mehr. Sollte sie trotzdem hineingehen? Dort war es warm, heiss. Ausserdem vertrieb und verdrängte der Bass alles. In den Bass möchte sie, der ihren Kummer wegzauberte. Zurück in die Menge und zu den Menschen. In den Dunst von Schweiss und Alkohol, wo ihre Tränen verschwinden und aus keinem Mund ein Schluchzen kommen wird.

    Sie blickte zurück zur Tür und sah, wie sie von der Musik vibrierte. Hinein wollte sie, um die schreiende Leere zu füllen und verschwinden sollte die Leere. Plötzlich öffnete sich die Tür mit einem lauten Knall und ein knutschendes Pärchen trat heraus. Das hätte ihr gerade noch gefehlt. Ein knutschendes Liebespaar, das sich bald gegenseitig auffressen würde. Die beiden waren nicht die einzigen, die sich auf den Weg machten. Aus dem Club kamen noch mehr Leute, die andere Gedanken hatten als die beiden vor ihnen.

    Und sie? Sie wurde nicht beachtet. Warum auch. Sie stand doch heulend und verkrümmt neben der Tür. Kein Wunder, dass sie niemand beachtete. Aber sie analysierte die Leute, die weitergingen, entweder in eine andere Bar oder zu jemandem ins Bett - zu jemandem.

    Sie roch den Alkohol und den Schweiss, wenn die anderen vorbeigingen. Sie hörte, wie sie lachten, wie sie sich vor Liebe fast auflösten. Aber das alles schwappte nicht zu ihr hinüber. Die Leere breitete sich in ihr mehr aus. Unerreichbare Stellen nahm die Leere ein. Sie verschlang sie. Es war eine Leere, die kein Bass vertreiben konnte, die sich nicht im Nebel auflöste und die nicht in der Menge verschwand.

    Sie lag im Bett. Ihre Füsse waren mit Wollsocken bekleidet. Sie war in Decken eingewickelt - buchstäblich wie ein Burrito. Sie zitterte nicht mehr. Warum sollte sie auch? Sie lag in einem warmen, weichen Waschbärbett. Die Wärme hüllte sie ein, aber die Leere blieb.